Ematec schnuppert Höhenluft: Wenn noch im November dieses Jahres in Schipkau in der Niederlausitz mit dem 365 Meter hohen Gicon-Höhenwindturm die höchste Windenergieanlage der Welt ans Netz geht, dann jubeln nicht nur die Projektverantwortlichen beim Dresdner Ingenieursdienstleister, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), und dem Windkraftanlagenhersteller Vensys. Und als Beteiligte nicht nur die Firmen Schmidbauer und Wörle, die mit ihren Maschinen den Bau erst ermöglichten.
Auch Manfred und Julian Eberhard und ihr Team von der Ematec AG mit Sitz in Memmingerberg werden stolz sein: Denn dank der Ingenieurskunst aus dem Allgäu konnte der letzte Montageschritt mit der Installation der drei Rotorblätter abgeschlossen werden. Möglich gemacht hat es die von Ematec entwickelte RBC-D-Technologie. Mit ihrer Hilfe können Rotorblätter in einem Winkel von ± 30 Grad installiert werden, und das schnell und sicher.
Die Rotorblatttraverse RBC-D von ematec hat die sichere Montage der Rotorblätter beim Bau ermöglicht (Foto: Sylvio Dittrich/ematec)
„Das Anschlagen der Blätter in unterschiedlichen Winkeln war denn auch absolut entscheidend für die erfolgreiche Installation. Das wäre mit keinem anderen Hebezeug der Welt möglich gewesen“, ist sich Björn Schäfer sicher, Baustellenleiter des Windkraftanlagenherstellers Vensys.
Teleskopierbare Turmkonstruktion
Das Besondere am Gicon-Höhenwindturm ist, dass die Tragkonstruktion nicht wie bei herkömmlichen Windrädern aus einem Rohrturm, sondern aus einem mehrteiligen Stahl- und Gittergerüst besteht, bei dem der innere Turm – nach der Installation der Rotorblätter – auf eine Nabenhöhe von 300 Metern teleskopiert wurde. Die Montage der Blätter erfolgte zuvor in einer Höhe von ca. 150 Metern. Unter anderem für diese Idee und den Projekterfolg wurde der Höhenwindturm in der Kategorie Produkt mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis 2026 ausgezeichnet.
Durch die besondere Turmkonstruktion stand für die Montage an der Nabe wenig Platz zur Verfügung (Foto: Sylvio Dittrich/ematec)
„Die Stahlkonstruktion unterhalb der Nabe beim Höhenwindrad in Schipkau ist deutlich voluminöser als bei normalen Anlagen, deswegen hatten wir bei der Blattinstallation deutlich weniger Platz zur Verfügung als üblich. Umso mehr mussten wir darauf achten, weder mit der Traverse noch mit den Rotorblättern am Turm anzustoßen. Das war eine Herausforderung, die unser Team bravourös gemeistert hat“, lobt Schäfer.
„Blind bedienen“
Der Baustellenleiter von Vensys ist mit seiner über 30-jährigen Erfahrung in der Windkraftbranche ein alter Hase und holte für das Projekt die erfahrenen deutschen Spezialisten von EZ Wind aus Elpersbüttel in Schleswig-Holstein ins Boot. Die Steuerung der RBC-D übernahmen dann zwei Experten von DH Renewables aus Irland und Schottland. „Die haben im vergangenen Jahr mehrere Vensys-Anlagen mit der Ematec-Traverse installiert und können die Fernsteuerung blind bedienen“, meint EZ-Wind-Chef Hans-Iver Jacobs.
Hubbereit: Die Rotorblätter der E-175 von Enercon und Rotorblatttraverse RBC-D (Foto: Sylvio Dittrich/ematec) Installation nimmt zwölf Stunden in Anspruch
Viel Fingerspitzengefühl und blindes Verständnis waren dann auch nötig, denn die Installation der drei Rotorblätter dauerte knapp zwölf Stunden. „Wir konnten mittags loslegen und waren dann um Mitternacht fertig“, erklärt Jacobs den spektakulären Einsatz, der von mehreren Foto- und TV-Teams dokumentiert wurde. Auch in der Sendung mit der Maus wird bald ein Beitrag über die höchste Windenergieanlage der Welt ausgestrahlt.
„Für den Sondermaschinenhersteller Ematec AG und seine RBC-D-Technologie ist die Beteiligung am Gicon-Projekt die Krönung“, teilt das Unternehmen mit. „Dass Vensys unsere Traverse für den Weltrekord eingesetzt hat, ist wie ein Ritterschlag für uns“, erklärt CTO Julian Eberhard.
Bei der Montage der Rotorblätter war auch Nachtarbeit angesagt (Foto: Liebherr)
Die in Schipkau verbauten Rotorblätter haben eine Länge von 61,6 Metern und ein Gewicht von 15 Tonnen. Dank einer adaptiven Blattaufnahme kommt das System aus dem Allgäu mit Rotorblättern bis zu einem Gewicht von 50 Tonnen klar – egal, wie lang oder schwer sie sind. Übrigens: Für künftige Anlagenprojekte plant Gicon noch größere Anlagen mit Nennleistungen von über 7 MW.
„Nach dem erfolgreichen Abschluss des Pilotprojekts möchten wir möglichst schnell mit der Skalierung des Systems und der Serienfertigung beginnen“, erklärt Prof. Dr. Jochen Großmann, Gründer und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Gicon. Seinen Plänen zufolge könnten bis zu 4.000 Höhenwindtürme in bereits bestehenden Windparks als sogenannte zweite Etage nachgerüstet werden.
Pro Höhenwindrad rechnen Gicon und SPRIND mit einem Stromertrag von 30 bis 33 GWh pro Jahr. „Das ist mehr als das Doppelte im Vergleich zu herkömmlichen Windenergieanlagen bei gleichem Rotordurchmesser“, so Großmann.
Die RBC-D von Ematec hat das 15 Tonnen schwere Rotorblatt von Vensys sicher im Griff (Foto: Sylvio Dittrich/ematec)
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