Werkstatt statt Klassenzimmer: Zeppelin Baumaschinen startet ein erstes Pilotprojekt mit rumänischen Berufsschulabsolventen in der Niederlassung Böblingen. Denn der Münchner Konzern hat ein hehres Ziel ausgerufen: tausend Servicetechniker bis 2030.
Die Anforderungen im Service für Baumaschinen steigen stetig, und in den kommenden Jahren verabschieden sich viele erfahrene Kräfte in den Ruhestand. Derzeit betreuen 825 Mitarbeiter beispielsweise einen Bestand von mehr als 60.000 Cat-Baumaschinen im Markt. Zwar ist im Prinzip für Nachwuchs gesorgt, denn 225 Azubis absolvieren eine Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker.
Aber: „Trotzdem reicht es aktuell nicht aus, selbst wenn wir die ganze Klaviatur des Recruitings bespielen und auch Kollegen intern weiterentwickeln“, beschreibt Philip Wolters, verantwortlicher Geschäftsführer für den Bereich Personal, die Situation. Um zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen, hat das Unternehmen nun mit einem Pilotprojekt erstmals einen neuen Weg eingeschlagen und ein grenzüberschreitendes Bewerbungsseminar realisiert. Daran nahmen sieben Berufsschulabsolventen der LTSA – Liceul Tehnologic de Științe Aplicate, dem Technologischen Gymnasium für Angewandte Wissenschaften – aus dem rumänischen Arad teil.
Das Projekt entstand im Rahmen der von Eucontact entwickelten Matching-Strategie und wurde zudem durch das EU-Programm Erasmus+ gefördert. Reisekosten, Kosten für Unterbringung, Verpflegung sowie eine Praktikumsvergütung wurden von der EU getragen.
„Wir haben uns mehrere Möglichkeiten überlegt, wie wir Personal auch außerhalb Deutschlands für uns gewinnen können. Die Bundesregierung propagiert laufend, dass man auch in Drittländern, etwa in Afrika, Mitarbeiter rekrutieren könne. Allerdings sind die bürokratischen Hürden viel zu hoch“, berichtet Philip Wolters. Anders sei es auf dem europäischen Arbeitsmarkt. „Hier kommen uns die Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie die Anerkennung der in Europa erworbenen Ausbildungsabschlüsse entgegen. So ist es durch Eucontact gelungen, eine Berufsschule in Arad einzubinden“, so Wolters weiter.
Mit Standorten in Österreich, Tschechien, der Slowakei, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Norwegen verstehe sich Zeppelin ohnehin als europäischer Arbeitgeber, heißt es.
Eucontact, ein nicht kommerzielles Bildungsunternehmen aus Irland, vernetzt Berufsschulen aus strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarkts mit Unternehmen aus strukturstarken EU-Regionen. So sollen junge Nachwuchsfachkräfte mit einem frisch erworbenen schulischen und beruflichen Abschluss mit passenden Arbeitgebern zusammengebracht werden.
Sie absolvierten mit vier weiteren Berufsschulabsolventen der LTSA aus dem rumänischen Arad ein zweiwöchiges Betriebspraktikum in der Werkstatt bei Zeppelin in Böblingen: Daniel Oproiu (links), Bogdan Szasz (rechts hinten) und Josua Oltean (rechts vorne), (Foto: Zeppelin)
Sieben Berufsschüler, die im Sommer 2026 ihre technische Ausbildung abschließen, wurden aus Arad eingeladen, zwei Wochen lang bei Zeppelin in der Werkstatt am Standort Böblingen mitzuarbeiten. Weitere Stationen waren die Schlosserei, die Schlauchfertigung und die Lackierhalle. Dort konnten sie, betreut von Eucontact, den Zeppelin-Kollegen nicht nur über die Schulter schauen, sondern selbst entsprechend ihrer Ausbildung tatkräftig Hand anlegen. Begleitet wurden sie von einem Berufsschullehrer.
„Es gab einen Durchlaufplan, und jedem der Schüler war ein Techniker von Zeppelin zugeordnet, um sie zu unterstützen. Jede Station stellte andere Anforderungen an das Knowhow und Können, das sie unter Beweis stellen konnten. Uns war es wichtig, dass sie wirklich mitmachen konnten und wir ihnen wiederum praktische Kenntnisse vermittelt haben, die sie mit nach Hause nehmen können“, so Patrick Jedrzejczak, Werkstatt-Teamleiter bei Zeppelin. Das übergeordnete Ziel: Begeisterung für einen späteren Berufseinstieg bei Zeppelin zu wecken – und sich gleichzeitig als potenzieller Arbeitgeber zu empfehlen.
Und wie ist es mit den unattraktive Arbeitszeiten? „Wir brauchen Mitarbeiter mit einer Leidenschaft für gelbes Eisen, weil es keine 9-to-5-Jobs sind. Genau das macht es schwierig, Nachwuchs zu finden. Wir müssen ran, wenn eine Maschine auch mal am Wochenende steht – deswegen darf aber keine Autobahn oder ein Bahngleis blockiert werden, sondern wir sorgen mit einer Reparatur dafür, dass alles läuft“, meint Holger Winter, Leiter des Servicezentrums Baden-Württemberg und verantwortlich für den Service am Standort Böblingen.
40 Monteure und vier Meister sind draußen im Feld täglich für Kunden unterwegs. „Das ist eine Seltenheit in der Branche“, sagter. Auch technisch entwickelt sich der Service weiter. Zeppelin setzt inzwischen auf Remote-Techniker, die vom Büro aus die Cat-Baumaschinen anhand von Fehlercodes aus der Ferne analysieren.
„Unsere deutschen Azubis im gewerblichen Bereich erhalten eine duale Ausbildung: In der Berufsschule werden ihnen die theoretischen Grundlagen vermittelt. Die praktische Ausbildung erhalten sie dann in der Werkstatt. In Europa ist das Modell dieser dualen Ausbildung weitestgehend unbekannt, da gerade in den strukturschwachen EU-Regionen die entsprechenden Arbeitsplätze und Unternehmen nicht vorhanden sind“, erläutert Philip Wolters.
Teodor Cornea, Berufsschullehrer der LTSA; Holger Winter, Zeppelin Leiter Servicezentrum Baden-Württemberg; Philip Wolters, verantwortlicher Geschäftsführer Personal bei Zeppelin Baumaschinen; Daniel Oproiu, Berufsschulabsolvent der LTSA; Patrick Jedrzejczak, Zeppelin-Werkstatt-Teamleiter Böblingen; Bogdan Szasz und Josua Oltean, Berufsschulabsolventen der LTSA; Rita Taran und Michael Zehner von Eucontact; und Ilka Kallin, Bereichsleiterin Marketing und Konzernkommunikation bei Zeppelin (v.l.), (Foto: Zeppelin)
Dennoch gab es auch sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden. Auch bei der Übersetzung gab es Unterstützung. So war gewährleistet, dass wesentliche fachliche wie auch interkulturelle Besonderheiten an die Teilnehmer weitergegeben wurden. Hinzu kommt der Aspekt der Integration.
„Unsere Niederlassung in Böblingen ist ein Musterbeispiel dafür: In der Werkstatt, im Außendienst und in der Spezialisierung haben wir insgesamt Mitarbeitende aus elf Nationen beschäftigt. Sie sind alle aufgeschlossen, und der Standort hat sich sofort bereiterklärt, sich auf dieses Projekt einzulassen, das einen Mehraufwand zum Tagesgeschäft bedeutete. Schließlich müssen die Praktikanten in den laufenden Betrieb integriert werden“, so Philip Wolters weiter. Für eine positive Erfahrung an einem Arbeitsplatz fernab der Heimat sorgten zudem gemeinsame Aktivitäten nach Feierabend wie Bowling und Fußballspielen, um sich besser kennenzulernen.
„Für uns ist das Projekt sehr positiv verlaufen. Drei der jungen Männer haben wir bereits eine Zusage für eine Stelle als Servicekraft gegeben“, zieht Holger Winter sein Fazit. Somit ist Zeppelin dem Ziel, tausend Servicetechniker bis 2030 zu beschäftigen, einen ganz kleinen Schritt nähergekommen.
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