03.04.2020

Was machen die Reifenhersteller?

Corona und kein Ende: Fast alle Betriebe sind von der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen betroffen – die einen mehr, die anderen weniger stark. Betonung auf mehr für das Gros der Firmen: Sie sind eher stark be- bis ins Mark getroffen. Aus zuvor gesunden Unternehmen mit florierender Nachfrage und voller Auslastung könnten nun Sanierungsfälle werden und Insolvenzen folgen. Das käme einem Erdbeben in der jeweiligen Branche gleich. Ebenso gut ist es – zumindest theoretisch – denkbar, dass sich nach dem „Spuk“ viele wichtige Akteure schnell berappeln und wieder zur Normalität zurückkehren.

Die meisten Hersteller von Maschinen und Anlagen in den stark betroffenen Ländern wie Deutschland, Italien oder Frankreich haben ihre Produktion eingestellt – vorübergehend. Und mit ungewissem Ende. Doch wenn keine Krane oder Autos mehr montiert werden, braucht man auch kaum noch Reifen – oder eben andersherum: Ohne die passenden Komponenten kann ich auch keinen Kran oder keine Bühne mehr bauen. Wie sieht das bei den Reifen aus?

War vorher das Wörtchen „Fachkräftemangel“ ein häufig gehörtes und wichtiges Thema, so lautet der heutige Trend: Kurzarbeitergeld. Dicht gefolgt von Werksschließung, Stilllegung, vorgezogenen Werksferien und unbezahltem Urlaub.

GOODYEAR
Goodyear, einer der größten Reifenhersteller weltweit, hat seine europäischen Werke seit Mitte März schrittweise heruntergefahren. Das betrifft die Werke in Deutschland, wo der US-Hersteller fünf Werke betreibt (Hanau, Wittlich, Fulda, Riesa und Fürstenwalde), und die Produktionsstätten in Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und Slowenien. Die Maßnahme soll bis zum heutigen 3. April gelten. Bislang ist unklar, wie es weitergeht – zumindest gibt es noch keine offizielle Verlautbarung dazu. Insgesamt unterhält Goodyear 48 Produktionsstandorte in 22 Ländern und beschäftigt 64.000 Mitarbeiter, zehn Prozent davon in Deutschland. Zum Konzern gehören die Marken Goodyear, Dunlop, Fulda, Sava und Debica.

Die Goodyear-Aktie hat seit Jahresbeginn zeitweise zwei Drittel ihres Wertes eingebüßt. Notierte sie zuletzt mehrfach über 15 Euro, so ist ihr Kurs zeitweise bis auf 4,60 Euro abgestürzt und hat sich jetzt auf rund 5 Euro eingependelt. No good year also bislang für Goodyear.

CONTINENTAL
Ähnliches Bild bei Continental: Über 40 Prozent der Produktionsstandorte stehen zur Zeit still. Zum 1. April hat der Konzern Kurzarbeit für etwa 30.000 Mitarbeiter in Deutschland angemeldet – die Hälfte der hier Beschäftigten. Sämtliche Unternehmensfunktionen sind davon betroffen – von der Produktion über Forschung & Entwicklung bis hin zur Verwaltung. „Darüber hinaus haben wir das mobile Arbeiten in jenen Ländern ausgeweitet, in denen sich das Virus derzeit stark ausbreitet“, heißt es seitens Continental. „Mehr als 95 Prozent der Mitarbeiter, deren Aufgaben mobiles Arbeiten erlauben, nutzen derzeit diese Möglichkeit. Insgesamt handelt es sich weltweit um rund 85.500 Personen.“

Derzeit stehen zum Schutz der Mitarbeiter und in Reaktion auf die zusammengeschmolzene Nachfrage mehr als 40 Prozent der insgesamt 249 Continental-Produktionsstandorte weltweit still, sei es vorübergehend für die Dauer von wenigen Tagen oder für einige Wochen (nach jetzigem Stand). Das sind also rund hundert Werke. Und: An einer Reihe von deutschen Standorten ist dem Konzern zufolge Kurzarbeit aufgrund der Coronavirus-Pandemie für mehrere Wochen geplant und je nach Entwicklung der Marktlage für die Dauer von 6 bis 12 Monaten möglich…

Überall dort, wo es der Kurzarbeit vergleichbare Instrumente gibt, nimmt Continental diese ebenfalls in Anspruch. In Ländern, in denen das Nettogehalt der Mitarbeiter nicht durch derartige Regelungen abgesichert wird, prüft das Unternehmen derzeit, in welcher Form es betroffene Mitarbeiter unterstützen kann. Der Continental-Vorstand hat daher entschieden, für den Monat April freiwillig auf zehn Prozent seines Monatseinkommens zu verzichten.

Der Konzern verfügt noch über starke Liquiditätspolster: Zum 29. Februar 2020 waren es flüssige Mittel in Höhe von rund 2,3 Milliarden Euro und zugesagte ungenutzte Kreditlinien von rund 4,6 Milliarden Euro). Continental-Vorstandschef Dr. Elmar Degenhart erklärt: „Wir sind stark und bleiben zuversichtlich. Denn wir haben ein krisenerprobtes Team und sind bilanziell solide aufgestellt. Wir werden daher diese Krise erfolgreich meistern.“ Die erst am 5. März abgegebene Prognose hat der Konzern am 1. April zurückgezogen.
Continental zeigt Flagge

BRIDGESTONE
Deutlich kleiner ist Bridgestone, das aber der oder einer der umsatzstärksten Reifenhersteller ist mit gut 26 Milliarden Dollar (2017). Gut 22.000 Beschäftigte in 40 Ländern sind für den Reifenhersteller tätig, 17 Werke für Reifen betreibt der Konzern weltweit. Ebenfalls Mitte März hat die japanische Firmengruppe, auch Sponsor der Olympischen Spiele und der Paralympics, ihre Werke in Europa vorübergehend dichtgemacht oder die Produktion heruntergefahren. Bis 6. April sind das Werk Béthune in Frankreich sowie Bari in Italien auf alle Fälle geschlossen. An den anderen Standorten in Spanien, Polen, Belgien und Ungarn wurde reduziert. Man verfüge noch über genügend Vorräte, um die Kunden weiter zu beliefern, hieß es.

MICHELIN
Der französische Reifenhersteller Michelin hat seine Werke seit Mitte März bereits weitgehend auf Null runtergefahren – und kürzt wegen Corona seine Dividende von 3,85 Euro auf 2 Euro zusammen, wie er am Mittwoch mitteilte. Der Konzern mit Sitz in Clermont-Ferrand hat 127.000 Beschäftigte auf fünf Kontinenten und fertigt an 67 Standorten in 17 Ländern. Details zu Umfang und Dauer der Werksschließungen bzw. Kapazitätssenkung nannte das Unternehmen nicht. Allein In Italien beschäftigt Michelin 3.000 Mitarbeiter an zwei Standorten. Bekannt wurde lediglich, dass die Franzosen ihr schottisches Werk Dundee mit derzeit 850 Beschäftigten nun bereits früher dichtmachen. Es sollte noch bis Mitte 2020 weiterlaufen, wird aber im Zuge der Coronakrise bereits jetzt runtergefahren, wie der Betrieb vor wenigen Tagen bekanntgab.

BKT
Der indische Hersteller BKT nimmt die Krise sportlich und bezeichnet den Umgang damit als „Kraftprobe“; vielleicht träfe es „Kraftakt“ besser. Der Hauptsitz und die Werke von BKT in Indien – wo die Regierung eine Ausgangssperre verhängt hat – bleiben definitiv bis zum 14. April geschlossen. Kundendienst und Vertriebsunterstützung laufen weiter über mobiles Arbeiten bzw. Home Office. Lucia Salmaso, CEO von BKT Europe, meint: „Diese Situation stellt uns auf die Probe, aber Zähigkeit ist einer der grundlegenden Werte unseres Unternehmens. Daher blicken wir mit Zuversicht und einem tiefen Gefühl der Verantwortung in die Zukunft.“
Sitz von Nokian Tyres in Finnland

NOKIAN TYRES
Die finnische Unternehmensgruppe Nokian Tyres beschäftigt „nur“ 4.700 Mitarbeiter. Nokian Tyres friert die Produktion in seinen Werken wegen der Coronakrise vorübergehend ein. Die Werksschließung in Dayton, USA; gilt bereits seit Freitag, 27. März, und ist für mindestens zwei Wochen angesetzt. Dabei war das Werk erst wenige Tage zuvor eröffnet worden. Im russischen Werk wurde die Produktion für eine Woche lang stillgelegt.

Das gesamte in Finnland tätige Personal wird nach Hause geschickt. Alle 1.630 Mitarbeiter dort würden vorübergehend freigestellt, so das Unternehmen. Bis zu 90 Tage könnten das pro Person in diesem Jahr sein. Am 6. April beginnt eine zweiwöchige Stilllegung im finnischen Nokia-Werk. Diese umfasst sowohl die Produktion von PKW-Reifen als auch die Produktion von Nokian Heavy Tyres. Zwar gebe es Verzögerungen bei Lieferungen und Transporten, doch verfüge Nokian Tyres über umfangreiche Reserven, um die Lieferkette aufrechtzuerhalten. Nach aktuellem Stand ist es unwahrscheinlich, dass Covid-19 eine Rohstoffknappheit verursacht, welche die Produktion von Nokian Tyres gefährden könnte, so der Konzern.

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